Mit Version 2.0 entwickelt sich der Corporate Net-Zero Standard der SBTi von einem Instrument der Zielvalidierung zu einem Rahmenwerk für die Umsetzung realer Transformation. Er erweitert den Handlungsspielraum von Unternehmen, ohne den wissenschaftlichen Anspruch von Net-Zero aufzugeben, und läutet eine neue Entwicklungsphase ein, die Unternehmen, Standardsetzer und Methodengeber gemeinsam gestalten müssen.
In den vergangenen Jahren haben wissenschaftsbasierte Klimaziele den unternehmerischen Klimaschutz grundlegend verändert. Tausende Unternehmen weltweit haben sich Net-Zero-Ziele gesetzt und die Science Based Targets initiative (SBTi) hat dafür den wissenschaftlich fundierten Orientierungsrahmen bereitgestellt. Doch mit zunehmendem Fortschritt verändern sich auch die Herausforderungen: Die verbleibenden Emissionsminderungen hängen zusehends von Veränderungen in Wertschöpfungsketten, Infrastrukturen und Märkten ab – Bereiche, die einzelne Unternehmen nicht allein transformieren können. Gleichzeitig erschweren geopolitische Unsicherheiten und wirtschaftlicher Druck die Umsetzung wissenschaftsbasierter Klimaziele, obwohl ihre unternehmerischen Vorteile auf der Hand liegen.
Mit Version 2.0 des Corporate Net-Zero Standards reagiert die SBTi auf diese Herausforderungen. Der Standard entwickelt sich von einem Instrument der Validierung wissenschaftsbasierter Klimaziele zu einem Rahmenwerk, das Unternehmen dabei unterstützen soll, Transformation glaubwürdig umzusetzen. Der eigentliche Fortschritt liegt in einem weiterentwickelten Verständnis von Corporate Net-Zero: Ambition bemisst sich künftig nicht allein daran, welche Ziele Unternehmen formulieren, sondern zunehmend daran, wie wirksam sie zur tatsächlichen Transformation von Wertschöpfungsketten und Märkten beitragen.
Vom Klimaziel zur Klimatransformation
Die wichtigste Neuerung des Standards besteht nicht in einzelnen Kriterien oder Instrumenten, sondern in seiner konsequenten Transformationslogik. Version 2.0 richtet den Blick auf die Frage, wie Unternehmen unter realen Bedingungen wirksam zur Transformation beitragen können.
Den sichtbarsten Ausdruck findet diese Logik in der Implementation Hierarchy. Sie erweitert nicht nur den Werkzeugkasten der Unternehmen, sondern ordnet ihn entlang der unterschiedlichen Transformationsbarrieren neu. Je nach Herausforderung rücken unterschiedliche Handlungsebenen in den Mittelpunkt – von direkten Maßnahmen über Activity Pools bis hin zu sektoralen Interventionen.
Gleichzeitig verschiebt sich auch die Bewertung unternehmerischen Handelns. Mit dem Best-Effort-Ansatz erwartet die SBTi nicht, dass Unternehmen jede externe Abhängigkeit kontrollieren können. Erwartet wird vielmehr, dass sie wissenschaftsbasierte Ziele verfolgen, alle Hebel innerhalb ihres Einflussbereichs nutzen, verbleibende Hürden transparent machen und nachvollziehbar darlegen, wie sie diese überwinden wollen. Wo direkte Dekarbonisierung kurzfristig an Grenzen stößt, folgt daraus zugleich die Erwartung, andere glaubwürdige Umsetzungspfade – einschließlich geeigneter Marktinstrumente – gezielt zu nutzen, um Transformation dennoch voranzutreiben.
Organisiert wird dieser Ansatz durch einen kontinuierlichen Target Cycle in Fünfjahresintervallen, der Zielsetzung, Umsetzung, Berichterstattung und Fortschrittsbewertung und mögliche Anpassungen zu einem lernenden Prozess verbindet. Der künftig nötige Transition Plan bildet dabei den roten Faden, der den Prozess vom Klimaziel zur tatsächlichen Transformation beschreibt.
Transformation erhält neue Werkzeuge
Wer Unternehmen stärker an ihrem Beitrag zur Transformation messen will, muss ihnen ermöglichen, dort anzusetzen, wo sie tatsächlich Wirkung entfalten können. Für alle drei Scopes gilt daher: Der Werkzeugkasten des neuen Corporate Net-Zero Standards löst sich nicht von klassischen Ansätzen – physische THG-Inventare, aggregierte Reduktionsziele und direkte Interventionsmaßnahmen bleiben der Kern unternehmerischer Klimastrategien – aber er integriert neue Metriken, Methoden und Instrumente zum Zweck systemischer Transformation.
Besonders deutlich wird das in Scope 3. Statt pauschaler Anforderungen richtet der Standard den Blick künftig stärker auf die wesentlichen Emissionsquellen einer Wertschöpfungskette und rückt von dort aus näher an die eigentlichen Hebel der Transformation heran: Zusätzlich zu den klassischen Emissionszielen gewinnen Alignment Targets und Activity Targets an Bedeutung. Sie machen Fortschritte dort sichtbar, wo Transformation tatsächlich stattfindet – bei Lieferanten, in Produktionssystemen oder einzelnen Aktivitäten.
Gleichzeitig erweitert sich der Handlungsspielraum, wo einzelne Unternehmen nur begrenzten Einfluss haben. Der Standard eröffnet neue Möglichkeiten, Transformation gemeinsam mit anderen Akteuren voranzutreiben, etwa in Activity Pools oder über geeignete Commodity Certificates. Damit verschiebt sich der Fokus von der Frage, wer Emissionen unmittelbar reduziert, hin zur Frage, wie Unternehmen mittelbar zur Dekarbonisierung der Systeme beitragen können, von denen ihre Emissionen abhängen.
Zusätzliche Wirkung wird anerkannt
Der größte Hebel, den Unternehmen haben, besteht in der Dekarbonisierung ihrer eigenen Wertschöpfungsketten. Darin besteht auch ihr größtes Interesse und ihre größte Verantwortung. Gleichzeitig gibt es Klimaschutzmaßnahmen jenseits davon, deren Finanzierung nicht warten sollte: Über Investitionen in zusätzliche, nicht direkt anrechenbare Emissionsminderungen, die Transformation ermöglichende Rahmenbedingungen (Enabling Activities) oder den frühzeitigen Ausbau von Carbon-Dioxide Removals können sie die Transformation beschleunigen und dem Klimaschutz wertvolle Zeit verschaffen.
Mit der Ongoing Emissions Responsibility (OER) integriert die SBTi diese zusätzliche Handlungsebene erstmals systematisch in den Corporate Net Zero Standard. Bestehende Ansätze wie Beyond Value Chain Mitigation (BVCM) – etwa nach dem WWF Contribution Model als Ersatz für klassische Kompensation – erhalten damit einen festen Platz innerhalb der Klimastrategie von Unternehmen. Diese Maßnahmen werden bewusst nicht auf die Erreichung wissenschaftsbasierter Klimaziele angerechnet, sondern als zusätzlicher Beitrag zur Beschleunigung der Transformation anerkannt. Während solche OER Investitionen zunächst freiwillig bleiben, gewinnen insbesondere Investitionen in Carbon Dioxide Removal mit zunehmender Annäherung an Net Zero an Bedeutung und werden ab 2035 schrittweise zu einem verpflichtenden Bestandteil des Standards.
OER ist damit keine Ausnahme vom Grundprinzip des Standards, sondern dessen konsequente Weiterentwicklung. So wie Activity Pools oder Commodity Certificates den Handlungsspielraum innerhalb der Wertschöpfungskette erweitern, erweitert OER ihn darüber hinaus – immer mit dem Ziel, zusätzliche Transformation zu ermöglichen.
Das volle Potenzial entfaltet sich nur gemeinsam
Mit Version 2.0 ist der SBTi ein Balanceakt gelungen. Der Standard eröffnet Unternehmen mehr Wege, Transformation unter realen Bedingungen voranzutreiben, ohne seinen wissenschaftlichen Anspruch aufzugeben.
Ob dieser Ansatz sein Potenzial entfalten kann, entscheidet sich jedoch nicht allein innerhalb der SBTi. Mit den angekündigten Leitlinien für Reporting, Interoperabilität und Claims hat die SBTi bereits die nächsten Entwicklungsschritte skizziert. Sie werden entscheidend sein, um das Zusammenspiel der neuen Metriken, Interventionsräume, Instrumente etc. zu konkretisieren und zugleich die Kriterien für ihre glaubwürdige Nutzung zu definieren. Gleichzeitig reichen viele dieser Fragen über die Definitionshoheit eines einzelnen Standards hinaus. Sie müssen mit dem Greenhouse Gas Protocol, den ISO-Standards, deren Interoperabilität sowie den verschiedensten Zertifizierungssystemen beantwortet werden. Nur wenn diese Antworten ineinandergreifen, gelingen Praktikabilität für Unternehmen und Integrität für glaubwürdigen Klimaschutz gleichermaßen.
In seiner Weiterentwicklung hat der Corporate Net-Zero Standard die nächste Evolutionsstufe im Klimaschutz eingeläutet: Weg von der Frage, ob Unternehmen ambitionierte Klimaziele setzen sollten, hin zur Frage, wie sie unter realen Bedingungen wirksam zur Transformation beitragen können. Jetzt kommt es darauf an, dass Standardsetzer und Methodengeber gemeinsam die unterschiedlichen Beiträge von Unternehmen so sortieren und koordinieren, dass die systemische Transformation gelingt und das Klima effektiv geschützt werden.
Unternehmen müssen diese Entwicklung nicht passiv abwarten. Sie können aktiv daran mitwirken – und sollten darüber hinaus ihren bisherigen Pfad der Emissionsreduktion konsequent weiter beschreiten. Der dafür nötige Werkzeugkasten ist heute voller als je zuvor.
